Fr, 2. März 2018

"Der Sprint auf Raufaser"

Eine Kolumne von Sascha Theisen

Es war ziemlich warm an diesem 14. Juni 2006. Wir hatten uns mit einer Gruppe ziemlich gleich verrückter Typen getroffen, nach langem Hin und Her den Beamer ans Laufen bekommen und uns am Ende etwas enttäuscht eigentlich schon mit einem 0:0 arrangiert. Klar – 10 Minuten Diskussion nach dem Schlusspfiff rund um die zwei verschenkte Punkte im zweiten Gruppenspiel hätte gereicht, um mit diesem torlosen Spiel klar zu kommen. Auf jeden Fall hätten wir das Spiel auch so anschließend gefeiert. Nur: An diesem Abend hatte der Fußballgott – und an diesem grandiosen Abend gab es ihn tatsächlich – andere Pläne mit uns, viel größere.

Denn in diesem Spiel auf der Leinwand, die in Wahrheit eine weiße Raufasertapete war, brach die 91. Minute an. Die deutsche Mannschaft holte Luft für einen abermaligen, den letzten Angriff. Thorsten Frings, Ex-Alemanne, spielte raus auf Bernd Schneider, Nie-Alemanne. Der lupfte den Ball die Linie entlang. Und dort lief David Odonkor, Bald-Alemanne, derart rasend schnell in Richtung Grundlinie, dass er mit jedem Schritt ein bisschen uneinholbarer wurde. Ein Raunen ging durch das Stadion. Die Zuschauer sprangen auf, vor unserer Raufasertapete wurde es ebenfalls ganz unruhig. Wir wussten, dass gleich etwas passieren konnte. Und genau in diesem Moment spielte Odonkor den noch einmal aufspringenden Ball von drei Gegnern bedrängt mit dem Innenrist in den Fünfmeterraum, wo Oliver Neuville ihn unhaltbar per Grätsche mit der Sohle zum unfassbaren Heimsieg in die Maschen bugsierte. Sofort brachen überall sämtliche Dämme – in Dortmund genauso wie bei uns, die wir eine sofortige rauschende Partynacht starteten, die erst endete als morgens um sieben der Big Mac bei McDonalds nicht mehr so Recht schmecken wollte.

Nun las ich in diesen Tagen, dass eben jener David Odonkor sein Abschiedsspiel geben wird – ein bisschen spät, denn sein Karriereende liegt schon etwas zurück. Aber sei´s drum – vielleicht braucht auch er ja Geld. Ein bisschen mehr stutzte ich aber schließlich als ich den Artikel über sein Abschiedsspiel weiterlas. Denn der Kick soll in Aachen stattfinden, auf dem Tivoli. Und da erinnerte ich mich wieder an eine Saison, die ich eigentlich schon erfolgreich verdrängt hatte, auch wenn sie bis heute erbarmungslos nachwirkt – an eine Saison mit Friedhelm-Funkel-Fußball in Hüfthöhe, an eine Saison in der plötzlich Albert Streit das Alemannia-Trikot überstreifte, an eine Saison an deren Ende alles anfing in die völlig falsche Richtung zu laufen und eben an eine Saison, in der tatsächlich dieser David Odonkor aus dem Polen-Spiel seine Sprints an der rechten Tivoli-Seite zündete.

Aber trotz aller Sprints, die er am Ende hinlegte, war er am Ende doch nur ein halbes Jahr bei uns. Also liegt irgendwie die Frage auf der Hand, ob so ein Spiel zwingend am Tivoli stattfinden muss. Denn auf den ersten Blick klingt das ungefähr so, als würden sie in Raum 218 des Burgau-Gymnasiums in Düren eine Gedenktafel in französischer Sprache für den Sascha Theisen der neunten Klasse aufhängen, nur weil ich 1987 nach sieben oder acht Fünfen tatsächlich mal eine „Vier minus“ geschrieben hatte. Also – zuerst fand ich das ein bisschen Drüber. Bis mich gestern mein alter Kumpel Stephan ganz aufgeregt aus dem fernen Freiburg anrief, um mir zu gratulieren, dass dieses „Event“ tatsächlich in unserem Stadion stattfinden würde. Er fragte erst gar nicht, ob ich plane hinzugehen, um die Helden von 2006 zu sehen. Er setzte es voraus und kündigte sich für Ende Mai an, um mit mir gemeinsam hinzugehen. Und da dachte ich so bei mir: Eigentlich hat er ja Recht. Mal was anderes als Erndtebrück. Und hey – wie wurde David Odonkor jetzt gerade erst zitiert, als das Spiel pressetauglich in den lokalen Medien angekündigt wurde: „Ich liebe die Stadt, die Fans, die Alemannia!“ Kann ich auch unterschreiben. Und ein bisschen Liebe zurückzugeben, war noch nie das Schlechteste, selbst dann wenn sie aus der Feder eines gewieften PR-Beraters stammt, der am Ende nur die Ränge voll bekommen möchte.

Also – gehe ich hin am 26. Mai, trinke ein Bier auf David Odonkor und denke vielleicht ein bisschen zurück an jenen warmen Abend im Juni, als er in irrem Tempo die Raufasertapete entlanglief und Oliver Neuville den Ball servierte. Ein bisschen schade nur, dass ihm solche Läufe nicht zwei bis drei Mal mehr gelangen, als er später in der Stadt spielte, wo er nun alles für sich beendet und in der sich jetzt eben Mannschaften wie Erndtebrück vorstellen. Vielleicht wäre alles ganz anders gelaufen. Egal, wir sehen uns dann im Mai, David.

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