Fr, 4. März 2016

"Ein schlechter Witz"

Die Kolumne von Sascha Theisen zum Spiel gegen Köln II

Kennen Sie den SV Issum? Nein? Nun – der ist am vergangenen Wochenende 86 Jahre alt geworden. Ein Geburtstag wahrscheinlich, der schon im benachbarten Aldekerke niemandem mehr ernsthaft interessieren dürfte. Und doch wurde er gefeiert und das nicht zu knapp. Denn der Ehrentag war Grund genug für die Issumer Vereinsoberen am Niederrhein sich eine gute Brise Fußballkultur um die mehr als acht Jahrzehnte alte Nase wehen zu lassen. Die Stargäste zur Issumer Geburtstagsparty waren gut gewählt: Mein alter Freund und Kupferstecher Axel Post und ich wurden ins durchaus schmucke Vereinsheim eingeladen, um dort vor der gesamten niederrheinischen Mitgliedschaft unseren Senf zum Fußball und zu dessen Drumherum zum Besten zu geben. Wir sprachen über Blutgrätschen, Panini-Erpressungen und Kreisliga-Sonntage.

Was zunächst also ein bisschen wie Provinzklamauk klingt, war in Wahrheit eine wunderbare Reise in die Ursprünglichkeit des Fußballs. Den Glamourfaktor suchten wir gar nicht erst in Issum, weshalb wir sowohl Meat Loaf als etwas unkonventionellen Berichterstatter des örtlichen Lokalblattes akzeptierten als auch die Tatsache, dass in den Vereinsheimen der niederrheinischen Tiefebene Fußballkultur-Groupies eben so rar gesät sind wie echte Hoffnungsschimmer am Tivoli. Und trotzdem fühlten wir uns wohl – so wohl sogar, dass ich mich traute gleich zu Beginn der Veranstaltung die zahlreich versammelten Mönchengladbach-Anhänger mit der Frage nach einem Alemannia-Fan im Publikum zu verstören. Klar – auf dem platten Land des Niederrheins war nicht unbedingt zu erwarten, dass sich auch Alemannia-Fans einfinden würden. Trotzdem fragte ich danach und tatsächlich meldete sich einer per Handzeichen auf meine „Sind Alemannia-Fans im Raum?“-Frage hin, was ich gleich zum Anlass nahm ohrenbetäubend ins Mikro zu prusten. Ein Alemanne in Issum! Das klang nach echtem Wahnwitz! Ich war begeistert, euphorisiert, aus dem Häuschen! Denn mal ehrlich: Was sollte einen Aachener gerade hier hin verschlagen? Das konnte eigentlich gar nicht sein!

Konnte es auch nicht. Denn der Typ in Reihe 3 hatte mich einfach nur verarscht und damit für einen echten Lacher in Issum gesorgt – am Ende auch bei mir. Denn natürlich war es lustig, wie ich gleich unnachahmlich steil ging und dem vermeintlichen Leidensgenossen im Publikum ein ganzes Buchpaket mit Widmungen wie „Alles außer Aachen ist Scheiße!“ oder „Gewinne kann jeder, Aachen können nur die Großen!“ in die vermeintlich schwarz-gelbe Hand drücken wollte. Leider mit Zitronen gehandelt, denn wie so viele im Raum war der lustige Mann grün-schwarz-weiß und nicht schwarz-gelb. Sei´s drum! Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.

Jedenfalls zeigte mir diese kleine Anekdote einmal mehr, wie es um uns bestellt ist. An Orten wie Issum, wo sich Hund und Katze „Gute Nacht“ sagen und Post und Theisen zu Vereinsgeburtstagen eingeladen werden, ist Alemannia nur noch für einen schlechten Witz zu haben. Das kann man nun betrauern und trotzdem ist es besser als nichts.

Und deshalb entschied ich mich, den Nicht-Alemannen für den Rest des Abends zum echten Alemannen zu machen, ob er nun wollte oder nicht. Immer dann, wenn ich von der Bühne aus eine Alemannia-Reaktion brauchte, fragte ich ihn. Immer wenn ich von Alemannia las oder sprach, suchte ich seine Zustimmung. Und immer, wenn jemand anders etwas mitleidig von Alemannia erzählte, schaute ich wissend berührt in seine Richtung. Nach der Lesung ging ich mit einem Pils-Glas in der Hand zu ihm, gab es ihm und prostete ihm zu: „Auf Alemannia!“ sagte ich und schlug ihm ehrfürchtig auf die Schulter – ganz so als wollte ich ihm sagen: „Wir beide, wir wissen, wie man Scheiße buchstabiert, was?“ Etwas entgeistert schaute er mich an und flüsterte fast verlegen in mein Ohr: „Du bist schon so ein ganz kleines bisschen verrückt, oder?“ Ich lachte, nickte und antwortete: „Und sehen wir uns morgen im Stadion?“ Er lachte, ich lachte. Dann lehrten wir die Gläser in einem Zug. Nicht zuletzt deswegen schenkte ich dem guten Mann mein Buchpaket und ließ gleich noch ein weiteres Pils bringen. Prost Alemannia! Dann schrieb ich dem guten Mann eine von Herzen kommende Widmung in eines der Bücher. Groß und mit Filzstift stand da: Alles außer Aachen ist Scheiße! Schön – wenn man mit dem Wissen nicht alleine ist!

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