Der alte Tivoli

„Hier ist etwas Einfaches, aber Großartiges geschaffen worden“. In diesem Satz aus dem Vereinsmagazin der Alemannia im Mai 1928 ist die Rede vom Tivoli, dem legendären Stadion an der Krefelder Straße, das Alemannia Aachen über 80 Jahre lang eine Heimat bot. Das Gelände nutzen die Schwarz-Gelben sogar mehr als 100 Jahre lang für die Ausübung ihrer Sportarten. Was der Chronist in der Vereinszeitung 1928 voller Freude verkündete, behielt nicht nur über viele Jahrzehnte seine Gültigkeit. Der Status des Tivoli als Kultstätte, Festung oder Mythos nahm immer weiter zu. Kaum ein Verein auf der deutschen Fußball-Landkarte spielte so lange Zeit an derselben Stelle, einige sind mittlerweile sogar schon mehrfach umgezogen. Und kaum ein Verein wird so eng mit seinem Stadion verbunden wie die Alemannia. Keine Olympischen Spiele, keine Weltmeisterschaften, keine Leichtathletik-Rekorde und auch keine virtuose Architektur kommen einem in den Sinn, wenn man das Stichwort Tivoli hört. Nur der Name des Klubs, der hier seit 80 Jahren seine Heimat findet: Alemannia Aachen.

Was in den 20er Jahren als Anlage für Breitensport errichtet wurde, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zur Spielstätte der Kartoffelkäfer und damit zum Schauplatz legendärer Fußballspiele. Die erste Fußballmannschaft der Alemannia stieß in die Spitze der westdeutschen Teams vor und machte den Namen Alemannia Aachen in ganz Fußball-Deutschland und darüber hinaus zu einem Begriff. Am 1. Mai 1953 werden die Alemannen nach einer 1:2-Niederlage gegen Rot-Weiß Essen im Düsseldorfer Rheinstadion Vizepokalsieger – der bis dato größte Erfolg der Vereinsgeschichte. In den 50er Jahren gastieren namhafte internationale Mannschaften wie Manchester City, Espanyol Barcelona, Olympique Marseille, Lokomotive Moskau oder Flamenco Rio de Janeiro zu Testspielen an der Krefelder Straße, wo mittlerweile eine der modernsten Flutlichtanlagen der damaligen Zeit installiert wurde. In den 60ern folgt der Aufstieg in die Bundesliga, ein Jahr später gar die Vizemeisterschaft. Nach dem Abstieg verschwindet Alemannia für einige Zeit von der nationalen Bildfläche, um sich nach dem Aufstieg 1999 mit dem Einzug ins Pokalfinale, der Qualifikation für den UEFA-Pokal und dem Aufstieg in die Erste Liga mit einer sensationellen Erfolgsserie zurückzumelden.

Aber wie kam es dazu, dass die Alemannia ausgerechnet zwischen Merowinger Straße und Krefelder Straße am nördlichen Rand der Stadt Aachen ihre Heimat fand? Die Vereinszeitung aus dem Alemannia-Archiv hilft weiter. Unter der Überschrift „Zur Einweihung unserer neuen Sportanlage“ heißt es im Mai 1928:

„In wenigen Tagen wird das zweitgrößte Rasenspielfeld unserer Vaterstadt seiner Bestimmung übergeben, nachdem in jahrelanger, mit größten Schwierigkeiten verbundener Arbeit der wichtigste Teil unserer Sportanlage in Tivoli fertiggestellt worden ist. Damit erfüllt sich für uns ein Wunsch, der seit einem Jahrzehnt in uns brannte, und an dessen Befriedigung wir mehr als einmal zu zweifeln Veranlassung hatten. Wer die schöne, grüne, sauber eingefasste und von hohen Zuschauerrängen umwallte Fläche sieht, der muß zugeben, daß hier unter sehr ungünstigen Verhältnissen etwas Einfaches, aber Großartiges geschaffen worden ist. Ein Vergleich mit unserem alten Spielfelde und ein Blick in unsere Vereinsgeschichte lassen die gewaltigen Anstrengungen ermessen, denen das hier Erreichte zu verdanken ist. Nachdem wir vom Gründungsjahr 1900 an acht Jahre lang auf sieben verschiedenen Spielplätzen unserer Stadt zu Gast gewesen waren, ohne eine bleibende Stätte zu finden, richteten wir im Frühjahr 1908 aus einer Wiese an der Krefelderstraße einen für damalige Verhältnisse annehmbaren Sportplatz her, der in den folgenden zwanzig Jahren manch heißen Fußballkampf erlebte. Nach dem Kriege reichte die bescheidene Anlage für den durch mehrere Abteilungen bedeutend vergrößerten Sportbetrieb des Vereins nicht mehr aus. Da die Suche nach einem geräumigeren Gelände erfolglos blieb, baten wir im Herbst 1920 die Stadtverwaltung um Überlassung des an unser Spielfeld anstoßenden städtischen Platzes.

Nach langwierigen, oft unterbrochenen Verhandlungen wurde im Februar 1925 der Vertrag unterzeichnet, der uns die beiden Plätze, zusammen 26574 qm groß, auf 20 Jahre mietweise überließ. Der Ausbau des Geländes wurde unter ehrenamtlicher Leitung unseres Mitgliedes W. Grube sofort begonnen, nachdem durch Ausgabe von „Bausteinen“, Stiftungen und Bewilligung einer Regierungsbeihilfe die ersten Mittel vorhanden waren. Zunächst wurde das ganze Gebiet mit einer festen Umzäunung versehen und am Eingang ein gefälliges, geräumiges Kassenhaus errichtet. Dann begann die Arbeit am Hauptspielfeld, dessen über 2 m starkes Gefälle durch Anschüttung von 13000 cbm Erde ausgeglichen werden mußte. Der in den ersten Monaten gut geförderte Umbau geriet im Juni 1926 ins Stocken, da die Mittel des Vereins erschöpft waren. Durch freiwillige Mitarbeit von Mitgliedern konnte das Einebnen der angefahrenen Erde notdürftig beendet werden. Dann ergaben sich bei der Herrichtung der Zuschauerwälle neue Schwierigkeiten, und die Weiterarbeit mußte notgedrungen eingestellt werden. Inzwischen hatten die seitens des Vereins eingegangenen Verpflichtungen eine derartige Höhe erreicht, daß die Vollendung der Anlage unmöglich erschien. Ende 1926 übernahm ein aus älteren Mitgliedern zusammengestellter Finanzausschuss unter P. Bornewassers rühriger Leitung die Regelung der Geldangelegenheiten. Durch Aufnahme von Darlehen gelang es vorderhand, die drückendsten Verpflichtungen zu erledigen und die Arbeit in bescheidenem Maße wieder aufzunehmen. Im Frühjahr 1927 waren abermals jegliche Hilfsquellen erschöpft; zudem stellte sich heraus, daß ohne gründliche Umarbeitung das eigentliche Spielfeld nicht genügend entwässert werden konnte. In tiefer Not wandte man sich an die Stadtverwaltung, die in dankenswerter Weise die Erneuerung der Abzugskanäle und den Ausbau der Zuschauerwälle übernahm. Den letzten Teil der Arbeiten, Einfriedung der Wälle, Anlage von Sitzplätzen, Toren u.a.m. konnte der Verein wieder aus eigener Kraft ausführen. Insgesamt betrugen die bisher aufgewandten Kosten der Anlage rund 55000 Mk., wovon etwa ein Viertel aus öffentlichen Beihilfen bestritten wurde, während alles andere zu Lasten des Vereins geht.

Mit ihren geräumigen Ausmaßen, 105:70 m, einem Fassungsvermögen von rund 10000 Zuschauern und ihrer landschaftlich reizvollen Lage darf unsere Anlage eine hervorragende Stelle unter den Vereinsplätzen Westdeutschlands beanspruchen.

Nötigt uns das hier Geschaffene Bewunderung ab, so zwingt es uns nicht minder zu Dank an alle, die in tatkräftiger Weise mitgeholfen haben, das große Werk zu vollenden, deren Willens- und Arbeitskraft alle Hemmnisse zu überwinden wußte. Größte Anerkennung verdient auch die wertvolle Unterstützung, die uns von Mitgliedern und Freunden unseres Vereins durch Stiftung von Geldmitteln zuteil geworden ist. Den Behörden, vor allem der Stadtverwaltung, der wir die Vollendung unseres Sportplatzes zu verdanken haben in erster Linie dem städtischen Sportdezernenten, Herrn Beigeordneten Bürgermeister Kuhnen, sind wir zu besonderem Dank verpflichtet.

Möge die Neuschöpfung eine Stätte edler sportlicher Betätigung werden im Dienste unseres deutschen Volkes!“

Die Entstehung des Tivoli war demnach keine Selbstverständlichkeit. Die Alemannen mussten lange um ihr neues Stadion zittern, es galt finanzielle Schwierigkeiten zu überbrücken. Kein solventer Gönner öffnete seine Schatulle, um als Mäzen den Schwarz-Gelben ihre Wünsche zu erfüllen. Also blieb dem Klub nur eines übrig: Irgendwie nach anderen Lösungen suchen und die Mitglieder aktivieren, um möglichst viele Arbeiten aus eigener Kraft zu erledigen. Vielleicht ist es eine zufällige Parallele, vielleicht war dieser Stadionbau im Jahre 1928 aber auch prägend für den Turn- und Sportverein Alemannia Aachen. Denn es sollte auch in der Zukunft dabei bleiben: der Alemannia wurde nichts geschenkt. Ehrgeizige Ausbaupläne für den Tivoli – von einer Kapazität von über 40.000 Zuschauern wurde geträumt – mussten immer wieder ad acta gelegt werden, weil die finanziellen Mittel fehlten. Nach dem 2. Weltkrieg gehörte Leo Führen, der den Verein von 1966 bis 1972 als Präsident führte, zu den Mitbegründern des Verwaltungsrates. Das Gremium hatte damals in erster Linie die Aufgabe, Geldgeber für die Alemannia zu finden. „Das war damals so gut wie unmöglich“, berichtet Leo Führen. Zum einen war nach dem Krieg kaum jemand zu finden, der überhaupt genügend Geld hatte, um etwas abzugeben. Zum anderen gab es damals noch keine Möglichkeit, die Sponsoringleistungen steuerlich geltend zu machen. Wieder war Eigenleistung angesagt. Gerd Richter, 1952 an den Tivoli gewechselt, gründete wenig später in Eigenregie die erste Stadionzeitung. 10 Pfennig kostete das Heft damals. „Mir war aufgefallen, dass es am Tivoli so etwas noch nicht gab“, berichtet der ehemalige rechte Läufer. Richter suchte sich Verkäufer, holte selbst die Anzeigen ein – nur die Texte ließ er vom damaligen Zeitungsmitarbeiter Hanns Mänhardt verfassen. Richter erinnert sich an seine aktive Zeit: „Wir Spieler durften damals maximal 160 Mark im Monat verdienen, weshalb wir natürlich alle noch unseren Berufen nachgingen. Nach den Spielen wurde mit der gegnerischen Mannschaft gemeinsam gegessen, oft waren wir im Degraa am Theater.“ Der Tivoli genoss schon in der 50ern einen bestimmten Ruf, wie Richter weiß: „Dadurch, dass die Zuschauer schon immer direkt am Feld saßen oder standen, war die Stimmung schon damals genauso berüchtigt wie heute. Das wussten auch die Gastmannschaften. Bei uns war es natürlich genau umgekehrt. Wenn das Volk einen mit so einer Begeisterung bedenkt, dann macht man automatisch einen Schritt mehr.“

Seit 1954 spielte Richter Seite an Seite mit Jupp Martinelli. „Als ich mit 18 Jahren auf dem Tivoli spielte, gab es auf der Haupttribüne fünf Sitzreihen, die Tribüne hatte kein Dach und der Stehplatzwall hinter dem Würselener Tor war so niedrig, dass die dahinter wachsenden Sträucher ihn fast überwucherten“, erinnert sich Martinelli, der von 1954 bis 1970 für die Alemannia die Schuhe schnürte und mehr als 700 Spiele bestritt. Die Tribünen wurden bekanntlich mit dem Ausbau im Jahr 1957 erhöht, eine andere „Besonderheit“ behielt der Tivoli jedoch. „Die einfache, übersichtliche und schlichte Ausstattung ließ den Tivoli immer als einen echten Sportplatz erscheinen, wenn auch die Herrichtung des Rasens nicht immer der Idealvorstellung entsprach. Nicht umsonst heißt es ja in unserer Hymne: Alemannia spielt am besten ,en d’r Pratsch’“, berichtet Martinelli über die Bodenverhältnisse im Stadion, die durchaus über Sieg und Niederlage entscheiden konnten: „Das leichte Gefälle zum Würselener Tor hin führte dazu, dass wir die Seitenwahl so gestalteten, dass wir nach der Pause ,bergrunter’ den Gegner meistens noch gepackt haben.“

„Gepackt“ wurden damals am Tivoli viele Gegner. Mit dem neuen Flutlicht begann eine Serie von internationalen Freundschaftsspielen gegen renommierte Gegner. Aber nicht nur Namen wie FC Barcelona, Flamengo Rio de Janeiro oder Ajax Amsterdam zogen die Menschen in ihren Bann. Der Tivoli war zu jener Zeit regelmäßig proppevoll. Was die Menschen geboten bekamen, zeigt ein Bericht aus dem Sport-Magazin über das Heimspiel gegen den FC Schalke 04 am 6. Oktober 1957 vor 35.000 Zuschauern:

„Schon in den Mittagsstunden begann die Invasion der Schalker Schlachtenbummler, die mit blauweißen Fahnen Aachens Straßenbild überfluteten. [...] Alemannias Sieg war ein Sieg des Aachener Kameradschaftsgeistes. Da war ein grippekranker Metzen, dessen Einsatz ihm sichtlich physische Qualen bereitete, was schon in den ersten Minuten deutlich wurde, als er schwer atmend und oft aussichtslos hinter Berni Klodt, dem besten Schalker Stürmer, einhertrabte. Da mühte sich weiterhin der grippekranke Michel Pfeiffer, Alemannias Spiel einzufädeln, und der nach einem Zusammenprall kurz vor der Pause durch Klodt verletzte Hans Coenen humpelte mit zusammengebissenen Zähnen nach dem Wechsel auf dem Linksaußenposten herum. [...] Selbst auf den hohen Flutlichtmasten gestikulierten die getreuen Anhänger der beiden Mannschaften aufgeregt und kehrten erst auf den Boden der Tatsachen zurück, als sie vom schiedsrichterlichen Schlußpfiff erlöst wurden.“

Ein halbes Jahr später, am 7. April 1958, empfing die Alemannia den 1. FC Köln. Die Begegnung ging in die Geschichte ein, denn nie mehr drängten sich so viele Menschen auf dem Tivoli. 36.000 Zuschauer waren es offiziell, in einigen Berichten war jedoch von weit über als 40.000 Fans die Rede. Hermann Grümmer, lange Jahre in der Nachwuchsarbeit sowie als Spielbeobachter für die Alemannia tätig erinnert sich: „Ich stand als Neunjähriger mit meinem Vater auf dem Aachener Wall. Es war unglaublich voll. Die Massen haben von oben einen solchen Druck erzeugt, dass die Zäune brachen und die Menschen auf den Platz gedrängt wurden.“ Mehrfach musste das Spiel unterbrochen werden, es gab einige Verletzte. „Der Fußball-Sport“ schrieb: „Schiedsrichter Thier geriet mehrfach in Bedrängnis, als die Menschenmassen aufs Spielfeld strömten. Einmal mußte das Spiel dadurch zehn Minuten unterbrochen werden. Das Drum und Dran im überfüllten Tivoli (schätzungsweise 42.000 Menschen!) glich einem Schlachtfeld. Es gab Verletzte am laufenden Band. Wetter: gut; Boden: ebenfalls gut.“ Als Reaktion auf die Ereignisse während der Partie beschloss die Alemannia den Einbau der so genannten Wellenbrecher, die es bis dato nicht gegeben hatte.

Sportlich lief es in diesen Tagen gut für die Alemannia, vielleicht sogar zu gut. Denn nur kurz nach dem 1:0-Erfolg über den 1. FC Köln im März 1963 in der Oberliga West kam die schockierende Meldung, dass die Bundesliga, die im Sommer 1963 als höchste Spielklasse eingeführt wurde, ohne die Alemannia starten würde. Nun gab es damals keine offiziellen Kriterien für eine Qualifikation. Der DFB-Beirat und der Bundesliga-Ausschuss mit FC-Präsident Franz Kremer an der Spitze ordneten teils nach geographischen Gesichtspunkten, teils nach sportlichen. Mit seinem offensichtlichen Bestreben, den 1. FC Köln als einzigen Mittelrheinverein in die Bundesliga zu bringen, setzte sich Kremer am ende jedenfalls durch – zum Leidwesen der Alemannia. „Innerlich fühlten wir uns schon zur deutschen Elite zugehörig, auch wenn wir erst einmal in die zweite Reihe versetzt waren“, erinnert sich Jupp Martinelli. Dem Interesse der Anhänger tat das  allerdings keinen Abbruch. So empfingen die Schwarz-Gelben im November 1963 den Wuppertaler SV zum Regionalliga-Spitzenspiel vor 35.000 Zuschauern. In dieser Saison wurden die Schwarz-Gelben Meister, scheiterten aber in der Aufstiegsrunde. Das große Ziel Bundesliga wurde erst 1967 erreicht, für drei Jahre spielte Alemannia bis zum Abstieg 1970 fortan in der ersten Reihe. Die Mannschaft war über die Jahre in ihrem Kern so gut wie unverändert geblieben, die meisten Spieler stammten aus der Region – mit Ausnahme der regelmäßigen Einkäufe von Marl-Hüls. „Man konnte immer sagen: Da spielt Alemannia Aachen“, meint auch Jupp Martinelli. Bei den „Öchern“ sorgte diese hohe Identifikation für leidenschaftliche Zuneigung zu „ihrem“ TSV – selbst wenn Fehler in der Vereinsführung und manch unprofessionelle Entscheidung der Alemannia zum Beinamen „Klömpchensklub“ verhalf.

„Professionelle Strukturen wurden in den 70er Jahren nicht geschaffen“, erinnert sich Robert Moonen. Seit 1974 ist der Aachener Geschäftsmann die Stimme vom Tivoli. In „einer Art Lethargie“ habe sich der Verein in dieser Zeit befunden: „Der Klub wurde in der Öffentlichkeit nicht mehr so wahrgenommen.“ Während die Entwicklung des Profi-Fußballs in Deutschland erst richtig los ging, hatte der TSV mit ausbleibendem Erfolg zu kämpfen. „Dennoch war der Tivoli auch in den 80ern ein Kultkasten – schließlich haben sich damals wirklich nur diejenigen hier getroffen, die den Kult auch weiter gelebt haben“, sagt Moonen. Pur und ungefiltert sei es zugegangen – sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen: „Das Publikum hat den Gegnern sofort gezeigt, wo sie hier sind. Die Gangart war hart, und genauso hat unsere Mannschaft auch gespielt.“ Günter Delzepich und Jo Montanes waren die Helden jener Generation, bezeichnenderweise zwei Defensivspieler.

Die 90er Jahre brachen heran, und mittlerweile hießen die Gegner Germania Teveren und SC Jülich 1910. Die Fußball-Erlebnisse in der Oberliga Nordrhein wurden immer einfacher und immer purer – wenn sich das denn überhaupt steigern ließe. In den Vereinskassen herrschte ebenfalls Flaute, und der Tivoli war zu jener Zeit von Glanz und Gloria so weit entfernt wie die Alemannia von der Champions League. Zeugwart Michael Förster erinnert sich: „Wir haben damals mit ein oder zwei Leuten das Unkraut zwischen der Stufen der Tribünen entfernt. Nur mit einer Spachtel bewaffnet habe ich mal den Weg vom Eingang Merowinger Straße bis zum Eingang Würselener Wall bearbeitet. Auf allen Vieren hat das etwa einen Monat gedauert.“ Die Tribünen wurden mit Reisigbesen gesäubert, ein Motorgebläse konnte sich die Alemannia genauso wenig leisten wie Mitarbeiter, die sich die Arbeit untereinander aufteilten. Die knapp 3000 Metallschilder zur Nummerierung der Sitzplätze hat „Michel“ Förster zu jener Zeit einmal mit Hilfe einer Schablone von Hand erneuert. „Im Winter haben wir sogar mal versucht, den gefrorenen Platz mit Gasbrennern aufzutauen“, schildert Förster mit einem herzlichen Lachen seine Erinnerungen an jene Zeit der Improvisation. Sportlich ging es glücklicherweise 1999 wieder bergauf, die finanzielle Gesundung ließ noch einige Jahre auf sich warten. Immerhin konnte bald wieder in einen Eimer Farbe, eine Sanierung der Heimkabine oder die Sicherheit des Stadions investiert werden.

Die Ursprünglichkeit verlor der Tivoli dadurch aber nicht – im Gegenteil. Eine Mischung aus Schweiß, Rasen und Schimmel will Erik Meijer bei seinem ersten Besuch in der Umkleidekabine bemerkt haben. Der Niederländer, von 2003 bis 2006 Stürmer bei der Alemannia und Kapitän der Aufstiegself, hat die besondere Aura des Tivoli in seinem Buch „3 Geile Jahre“ sehr treffend beschrieben: „Es ist jedes Mal ein geiles Gefühl, wenn sich die schwarz-gelbe Welle ihren Weg aus der Stadt zum Stadion bahnt, die meisten zu Fuß. Wenn du über den Hügel kommst, und das Flutlicht brennt – unbeschreiblich.“ Wenige Zeilen später heißt es: „Das Gute in Aachen ist, dass die echten Fußball-Liebhaber mehr als eine Stunde vor dem Spiel ins Stadion kommen. Es sind die Leute mit Schal, Mütze und Trikot, die sich dort mit Freunden treffen und sich einheizen, genau wie ich das mache. Du kommst also auf den Rasen marschiert und bekommst die letzte Portion Überzeugung, dass du nachher auf dem Feld eine tolle Leistung abliefern musst – nur um die Leute nicht zu enttäuschen.“

Aachens ehemaliger Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden beschreibt die Beziehung der Menschen zu ihrem Fußballklub wie folgt: „Alemannia ist ein regionales Gefühl, für viele eine Art Glaubensbekenntnis. Sie identifizieren sich voll mit dem Verein und machen zum Teil ihr eigenes Wohlergehen von dem des Vereins abhängig.“ Der alte Tivoli war über Jahrzehnte der Tempel für dieses Glaubensbekenntnis, er machte auf wunderbare Weise eine Nähe möglich, räumlich wie emotional. Das Stadion schaffte eine Interaktion zwischen Fans und Spielern, vielleicht lag hier das Geheimnis des Kultkastens. Einem Meister der Interaktion mit den Menschen auf der Tribüne gebührt das Schlusswort. So sagt Willi Landgraf: „Auf dem Tivoli waren immer neue Gerüche. Sogar in der Kabine hat es manchmal nach Bratwurst gerochen, wenn wir das Fenster offen hatten. In den meisten Stadien kannst du als Spieler kaum über die Bande gucken – am Tivoli konntest du die Leute beim Einwurf mit Handschlag begrüßen.“


Aufsatz von Thorsten Pracht aus dem Buch

„Der Tivoli. 100 Jahre legendäre Heimat für Alemannia Aachen“

Erschienen 2008 im Verlag Die Werkstatt


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