HolzScherf
I. Bezirk A-Klasse - Saison 1908/1909 - 9. Spieltag - Sonntag 17.01.1909  - 15:00 Uhr
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Spieldaten

Aufstellung

Alemannia Aachen: Riechert – M. Breuer, Emunds – Catteau, Pohlmann, Essers – Wolff, Leussler, H. Wollgarten, Rex, A. Wesché

Bonner FV: u.a. Gebr. Franke

Tore

1:0 Breuer, 2:0 Rex, 3:0 Wolff

Zuschauer:

(auf dem Sportplatz Tivoli)

17.1.1909: Alemannia Aachen - Bonner FV 3:0

Als vorjähriger Bezirksmeister hatte Alemannia I in dieser Saison zum ersten Male etwas zu verlieren. Das gab der Sache neuen Reiz und erhöhte das Interesse und die Spannung auf den Ausgang. Nach einem Debut von zweifelhafter Güte standen beim Jahrenswechsel denn doch die Dinge so, dass nach den beiden Punkten, die Alemannia sich auf dem Rhenanenplatz in Köln zu holen hatte, Formsache, war man geneigt anzunehmen die Entscheidung in Tivoli zwischen Bonn und Aachen stattfinden sollte.

Es kam anders, wie man weiss. Die Schlappe Alemannias am 3. Januar hatte Bonn den Meisterschaftstitel unwiderruflich zugespielt, und das heutige Spiel konnte an dieser Tatsache nichts mehr ändern. Daher kam es wohl, dass sich diesmal ausserhalb des Drahtes eine gewisse Wurstigkeit bemerkbar machte, eine relative Gleichgültigkeit einem Spiel gegenüber, das einem falsch geleiteten Ehrgeiz keine Befriedigung mehr geben konnte.

Ganz anders die Mannschaft selber. Obwohl durch Ersatz bedeutend geschwächt, lieferte sie ein durchaus anerkennenswertes Spiel, in offenbarer Erkenntnis der Tatsache, dass sie zwar keine Meisterschaft, wohl aber manches anders zu verlieren und zu gewinnen hatte.

Bonns Anstoss misslingt. Der Ball ist im Nu vor seinem Tor und wird nur mit Mühe zum Eckstoss abgelenkt. Dieser, sowie ein unmittelbar darauf folgender werden von den baumlangen Bonner Backs famos weggeköpft. Ein Angriff der Gäste endet bei Emunds. Alemannia drängt ständig und ungestüm. Wollgarten wird dicht vor Bonns Tor durch Umklammern mit den Armen gehalten. Den Strafstoss verwandelt Breuer sicher. Bonn stösst jetzt besser an. Riechert faustet einen von der linken Flanke vorgebrachten Ball schlecht weg, dem Rechtsinnen grade vor die Füsse. Der schiesst scharf und unverzüglich, aber Riechert stoppt den Ball ganz brillant in der untern Torecke. Das Spiel verteilt sich jetzt mehr und mehr. Riechert pariert zweimal vorzüglich dann verzapft er eine böse Kiste, die Essers im letzten Augenblick noch gut machen kann. Bonns Torwart feiert inzwischen auch nicht. Einer seiner Backs kommt mit dem Ball aufs eigene Tor, verliert ihn auf dem schlüpfrigen Boden, und der nachsetzende Königs kann mühelos einsenden. Kurz nach dem dritten Anstoss bringt ein unerklärlicher Freistoss gegen Aachen dessen Tor in arge Gefahr. Die letzte Viertelstunde zeigt sich stets wiederholende, bisweilen wirklich vorzügliche Angriffe der Alemannen, bei denen die rechte Flanke sich auszeichnet. Zwei totsichere Chancen werden verpasst, einmal, als Wolff wenige Meter vor dem offenen Tor über den Ball fällt, das andere Mal, als Leussler darauf wartet, dass Wolff dem Ball einen letzten Schubs gebe, und umgekehrt.

Die zweite Hälfte beginnt damit, dass Wolff durch mehrmaliges Abseitsstehen den Bonnern aus einigen recht schwierigen Lagen hilft. Ein Angriff Bonns wird hoch über die Stange gejagt, einen andern hält Riechert durch Herauslaufen. Ein "Hands" von Wollgarten wird irrtümlich mit einem Freistoss gegen Bonn prämiert, der jedoch daneben geht, was unter diesen Umständen freudig zu begrüssen war. Leussler und Wolff können sich bald darauf wiederum in allernächster Nähe des Tores nicht einigen. Eine Ecke für Aachen verläuft gleichfalls resultatlos. Königs schiesst nach schöner aber zu ausgiebiger Kombination mit Wesche, der Ball geht an die Querlatte. Der Bonner Torwart erlebt manchen kritischen Augenblick. Von Wollgarten bedrängt, überschreitet er die bekannten zwei Schritte um ein gutes Dutzend. Freistoss von der Stelle aus, wo der Tanz stattfand. Diese Art von Freistössen muss sehr selten sein, denn es bedurfte des ratenden Rufes des Linienrichters Herrn Kentenich, um die Bonner in Reihe in ihr Tor zu bringen, wie man das denn so macht. Viel Lärm um nichts! Im Gegenteil, Bonn geht mit dem Ball durch und setzt sich für kurze Zeit vor Aachens Tor fest. Da konnte man u.a. einen Ball sehen, der gemächlich längs des von Riechert verlassenen Tores hüpfte. Wieder ist es Essers vergönnt, ihn noch soeben weghauen zu können. Wenige Minuten vor Schluss  macht Wolff einen prächtigen Lauf die Seitenlinie entlang, er schneidet den Back und gibt nach einigen kurzen Passes mit Pohlmann und Wollgarten, die den Torwächter zum Herauslaufen bewegen, sicher ein. Bonn macht verzweifelte Anstrengungen, um wenigstens sein Ehrentor zu kriegen. Aber Alemannia hat immer dann das grösste Glück, wenn es garnicht so nötig ist, und Bonn geht unverdientermassen leer aus. Mit einem Eckstoss für Aachen endet das flotte und höchst interessante Spiel.

Die Bonner Mannschaft, die ebenso wie Alemannia mit Ersatz spielen musste, ist augenscheinlich besser als jemals in der Zeit ihrer Kämpfe mit Aachen. Sie ist ausdauernd und balltüchtig, aber an verschiedenen Punkten recht roh. Dass sie im weiteren Verlauf der Meisterschaft auf einen grünen Zweig kommen wird, glaube ich zuversichtlich nicht, und ich erkläre, fussend auf meine Neutralität, dass ich mein engeres Vaterland lieber durch Alemannia vertreten sähe, wenn ich mir auch davon nicht viel verspreche. Einen ausgesprochenen Meister gibts eben heuer nicht im ersten Bezirk.

Es ist erstaunlich, wie unbeständig die Form der ersten Alemanniaelf ist. Wenn z.B. jemand von ihr nur das Spiel gegen Offenbach und dieses gegen Bonn gesehen hätte, würde er sie nur an den Zebrafarben wiedererkannt haben, so ungeheuer war der Unterschied. Bezüglich Riechert, dessen Klasse sich immer mehr dokumentiert, bemerke ich nochmals, dass er zu bereitwillig sein Tor verlässt. Emunds Balltechnik und absolut zuverlässiger Tritt haben niemals in Frage gestanden. Ich glaubte zu bemerken, dass er sich neuerdings auch etwas von den arrêts (warum denn nicht einmal auch andere als englische Fremdwörter?) angeeignet hat, von der grossen Kunst Breuers, dessen Treten wiederum an Genauigkeit zu wünschen übrig liess. Auf dem Mittelläuferposten waltet jetzt etwas mehr Technik und viel mehr Ruhe.

Pohlmanns flaches, intelligentes Spiel hat nicht verfehlt, auf die Mannschaft einen wohltätigen Einfluss auszuüben. Trotzdem finde ich es etwas pomadig ist nicht der rechte Ausdruck. Jedenfalls machte er den Eindruck, nicht genügend schnell und auch nicht wuchtig genug für einen Centerhalf zu sein. Essers zeigte persönlich, ganz abgesehen von den zwei sicheren Toren, die er verhütete, ein gutes, zuverlässiges Spiel, und wenn er seine Mannschaft in dieser Saison nicht zum Meisterschaftstitel führen konnte, so hatte er wenigstens die Genugtuung, durch diesen Sieg seine nach Rhenania-Köln etwas kompromittierten Führerfähigkeiten glänzend rehabilitiert zu sehen. Catteau spielte nach einer anfänglichen gelinden Aufregung sehr vernünftig, nicht ohne Geschick und vor allem mit nachahmenswertem Mut. Wolff, den seine Schnelligkeit und Kraft trotz seiner mangelhaften Ballbehandlung recht gefährlich machen, hatte seinen guten Tag. Die Art, wie er seinen Back zu schneiden pflegt, ist famos. Schade, dass er zum Zenterschlag zuviel Zeit benötigt und dass er ihn, wenn er behindert wird, überhaupt nicht zuwege bringt. Aber sonst ist er wirklich brauchbar, vorausgesetzt, dass er grade nicht schläft. Ein kleiner Gedankenaustausch mit Leussler, wäre von allgemeinen Nutzen. Dieser ging wieder einmal mit so schönem Feuer an die Sache, dass man sein ferneres Verbleiben in der Mannschaft doppelt angenehm empfand. Seine häufigen kanonenkugelmässigen Durchbrüche auf höchst eigene Faust sind ein wirksames Gegengift gegen die stagnierende Kombination, die von Wollgarten ausgeht. Weil es ihm an Schuss fehlt sind diese Explosionen, könnte man sagen meistens ohne Erfolg, aber sie muntern, wie gesagt, ungemein auf. Im Lauf spielt er genau und geschickt zu, verliert auch selten den Ball, und sollte das passieren, so holt er ihn immer wieder mit einem Eifer, der in der ganzen Stürmerreihe sonst nicht zu Hause ist. Auffallend ist aber, wie wenig Gefühlt er für die Kraft seines Stossen aus dem Stand hat. Wie oft kommt es vor, dass der Ball auf dem halben Wege zu Wolff aushaucht und dem gegnerischen Verteidiger zur Beute fällt! Darin könnte er, um aufrichtig zu sein, viel von Wollgarten lernen, dessen Zuspiel immer durchaus genau ist, wenn er es anwendet. Wollgarten weiss mit dieser unbestreitbaren Gabe wirklich nicht Haus zu halten. Manchmal übertreibt er es, und manchmal unterlässt er es ganz. Natürlich macht er es bisweilen auch richtig. Zum Schuss ist er in diesem Spiel nicht gekommen; ich finde, dass in Spielen mit rheinischen Mannschaften er immer am schärfsten gedeckt wird. Daraus liesse sich Kapital schlagen. Königs verdient alles Lob; er zeigte viel mehr Leben als sonst linksaussen, wohl weil sich das Innenspiel immer mehr lohnt. Zwar konnte er Joe doch nicht vergessen machen, an dessen Spiel das seinige einige Anklänge zeigt. A. Wesche wurde auffallend wenig beschäftigt und konnte also schon deshalb nichts gutes zeigen.

(Nachrichtenblatt d. F.C. Alemannia, No. 4 / 16. Februar 1909)

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